Glauben wenn (fast) nichts mehr geht

Grossmutter mit Enkelin und deren 5 Kinder

In der Infozeitschrift 2/2025 haben wir uns die Situation von Menschen mit chronischer Erschöpfung zum Thema gemacht. Unter anderem durften wir online ein Interview führen mit Beatrix Welte, die während der Pandemie an long covid erkrankt ist und deren Leben sich seither komplett verändert hat.

 

Vielen Dank Beatrix, dass du uns einen Einblick in dein Leben und Glauben gibst. Du bist an Long Covid erkrankt und hast darin viel Leid erfahren. Wie sah dein Leben vor der Erkrankung aus und wie sieht dein Alltag heute aus?

Vor meiner Erkrankung war ich eine sehr aktive Person, beruflich wie privat. Ich bin verheiratet und habe einen mittlerweile 20-jährigen Sohn. Während 13 Jahren habe ich ein Unternehmen geleitet. 2017 habe ich mich entschieden, etwas Neues zu wagen und habe mich zur Erwachsenenbildnerin weiterbilden lassen mit dem Ziel, Nothilfekurse anzubieten. Im 2019 startete ich mit der Akquisition von Kunden und meine Agenda begann sich zu füllen. Neben dem Beruf war ich unter anderem ein aktives Mitglied der reformierten Kirche in Gossau ZH. Ich habe mich in verschiedenen Diensten engagiert und war zum Beispiel im Kernteam des Alphalive-Kurses. Dann kam die Corona-Pandemie, die für mich wie für andere Anbietende von Kursen und Weiterbildungen quasi ein Berufsverbot bedeutete. Auf einen Schlag habe ich alle Aufträge verloren. Im Oktober 2020 bin ich dann selbst an Covid erkrankt. Daraus folgten eine Lungenentzündung und eine längere Zeit in Quarantäne. Trotz Erschöpfung dachte ich aber, dass dies bald einmal wieder besser werde. So nahm ich die Aufgabe an, in der Kirchgemeinde die Findungskommission für fünf neue Mitglieder der Kirchenpflege zu leiten. Diese Aufgabe konnte ich erfolgreich zu Ende führen. Ich engagierte mich auch in der Gassenarbeit von Schwester Ariane in Zürich, weil ich ein Herz für Menschen am Rande der Gesellschaft habe. Ich wurde dann aber immer kränker und musste die Arbeit auf der Gasse wieder aufgeben.

Wie hat dein Umfeld auf deine Erkrankung reagiert?

Viele Leute in meinem Umfeld waren sehr erschrocken und konnten es anfänglich kaum glauben. Aber grundsätzlich hatten die Meisten Verständnis. Andere erlebten dies sicher anders. Dennoch gab es Freunde, die sich nach und nach zurückgezogen haben. Irgendwann fragten sie nicht mehr nach. Im Vergleich zur Zeit vor Ausbruch meiner Krankheit kann ich heute höchstens noch 5% der Aktivitäten wahrnehmen bzw. Beziehungen pflegen. Also eigentlich fast nichts mehr.

Hat sich dein Glaube durch diese Leidensgeschichte verändert?

Mein Glaube an Gott hat sich nicht verändert. Am Anfang meiner Erkrankung war mir die Beziehung zu Gott besonders wichtig. Als ich während der Pandemie mit Atemnot zu Hause in meinem Bett lag, fand ich die Gewissheit, dass ich nicht ersticken werde. Ich fühlte mich von Gott nie verlassen und erlebte seine Hilfe auch durch Ärzte und Fachleute. Lange hielt ich daran fest, dass Gott mich heilen wird, musste aber eines Tages akzeptieren, was möglich ist und was nicht.

Was hat sich durch deine Erkrankung in Bezug auf deine Kirche geändert?

Am Anfang besuchte ich noch Gottesdienste, merkte aber schnell, dass mich dies völlig überfordert. Auch Livestreams sind zu anstrengend. Mein Nervensystem kommt in Aufruhr, und ich kann das Gehörte nicht verknüpfen. Einmal verfolgte ich einen besonderen Gottesdienst online und sah viele bekannte Menschen. Das war emotional sehr belastend, da ich mich zwar noch zu dieser Kirche zähle, aber kaum mehr Kontakte habe. Die persönliche Bibellese ist kaum möglich, da ich mir nichts merken kann und schnell überfordert bin.

Was kann die Kirche bzw. was können wir tun, um dich und deine Leidensgenoss/innen zu unterstützen und so gut wie möglich einzubeziehen?

Aktiv nachzufragen ist wichtig – auch wenn manchmal lange keine Antwort kommt. Der Alltag ist oft so fordernd, und jeder Tag bringt neue Herausforderungen. Regelmässige Kontaktversuche und kleine Angebote, wie ein halbstündiger Kaffee, können irgendwann passen und würden mir viel bedeuten. Auch Seelsorge per Zoom oder eine Art «Minutenseelsorge», wie sie Schwester Ariane anbietet, wären hilfreiche Möglichkeiten.