Mit meiner Behinderung zu leben ist oft schwer

Juli 2014, Das Gespräch führte Ruth Bai-Pfeifer

Silvan Ritz erzählt:

Ich bin 1981 geboren und habe von Geburt an eine cerebrale Lähmung (CP). Ich konnte lange nicht laufen. Deshalb bin ich in der Wohnung herumgekrochen. Ich ging in die Spielgruppe. Ab dem Kindergarten kam ich in die CP-Schule Wollishofen und blieb bis knapp 11-jährig dort. In der Physiotherapie lernte ich frei zu laufen. Das war ein grosser Erfolg. Alle freuten sich.

Schwierige Pubertät

Die anspruchsvolle Pflege wurde für meine Eltern nicht mehr möglich. In der CP Schule ging es auch nicht mehr. So kam ich während der Woche nach Affoltern ins Heim und in die Schule des Kinderspitals bis ich 17 Jahre alt war. Rund um mich waren schwer kranke Kinder. Da lernte ich die traurige Seite des Lebens kennen, wenn Schulkameraden jung starben. Mich plagten grosse Schuldgefühle, weil es meiner Mutter nicht gut ging. Heute weiss ich, dass es für meine Eltern damals einfach zu viel war. Aber es gab auch schöne Dinge: Ich lernte ein junges Pastoren-Ehepaar kennen, die für mich wie Ersatzeltern wurden. Sie organisierten, dass ich regelmässig von anderen Jugendlichen zur Teeniegruppe der Chrischona-Gemeinde abgeholt wurde.

Berufsausbildung

Ab 1998 lebte ich vier Jahre in der Stiftung Rodtegg, Luzern. Dort absolvierte ich eine einfache kaufmännische Grundausbildung und lernte mit dem Computer umzugehen. Regelmässig gingen wir in die Behindertensport-Gruppe, spielten Unihockey und verbrachten die Freizeit miteinander. Es war für mich eine sehr gute Zeit. Ich war rundherum gut aufgehoben und integriert.

Dann kam ich nach Reinach BL ins Bürozentrum. Durch den Umzug wurde ich aus meinem sozialen Umfeld in Luzern herausgerissen. Ich wohnte alleine in einem Studio. Dort vereinsamte ich, weil die meisten Kollegen am Abend nach Hause gingen. Ich arbeitete immer zu langsam und fühlte mich nutzlos. Einsamkeit und Frust machte sich breit, und so äusserte ich mich einmal suizidal. Ohne gross mit mir zu reden, lieferte man mich in die Psychiatrische Klinik Liestal ein. Dort erlebte ich eine sehr schwierige Zeit. Es ging mir total schlecht. Einer meiner Zimmernachbarn sagte zum Betreuer: „Entweder nehmt ihr den Krüppel aus dem Zimmer, oder ich schlag ihn tot.“ Schliesslich wurde eine neue Unterkunft und Stelle für mich gesucht. Ich wurde in die Psychiatrische Klinik Embrach verlegt. Es war eine längere Odyssee. Zu guter Letzt wohne ich nun wieder zu Hause bei den Eltern und arbeite in der Stiftung Pigna, einer Einrichtung, die geschützte Arbeitsplätze für behinderte Menschen anbietet.

Eigentlich hätte ich schon bei meiner Geburt sterben können, weil ich 20 Minuten lang Sauerstoffmangel hatte. Aber ich lebe –wofür habe ich noch nicht herausgefunden.

Der Glaube an Gott gibt mir Halt weil ich immer mit Gott reden kann. Wenn ich mich einsam und verlassen fühle, weiss ich: Er sieht mich und er ist da.

In einem Lied, das mir viel bedeutet, heisst es:

Es gibt eine Heimat im himmlischen Licht, bereitet vom Heilande mein. Und wenn er mich rufet, so weiss ich gewiss, ich werde kein Fremdling dort sein.

Es geht weiter

Meine Sprachbehinderung ist eine sehr grosse Barriere. Ich habe immer wieder erlebt, dass Menschen mit meiner Behinderung überfordert waren, damit nicht umgehen konnten und mich diskriminierten. Heute sehe ich es nicht mehr so eng, aber es tut mir immer noch weh. Auch ich habe Wünsche wie jeder andere junge Mann – Sehnsucht nach einer Partnerin, nach Sexualität, und das Bedürfnis, irgendwo ganz zu Hause zu sein. Mir würde es schon viel helfen, wenn ich jemanden hätte, mit dem ich meine Freizeit positiv gestalten könnte.

GuB bedeutet mir sehr viel. Da kann ich mich selber sein und mit guten Freunden Gemeinschaft pflegen. Für mich ist es hilfreich, mit anderen behinderten Christen zusammen zu sein. Die Ferien und vor allem die Reise nach Israel gehören zu den absoluten Höhepunkten in meinem Leben.

Ich wünsche mir, dass noch mehr behinderte Menschen zum Glauben kommen, und dass immer wieder Reisen und Ferienwochen angeboten werden. Der Einsatz des Teams ist grossartig, dafür bin ich extrem dankbar.

Infos zum Artikel

Lebensbericht wurde in dieser Infozeitschrift veröffentlicht:
GuB_Info-Zeitschrift_2014_2, Seite 7

Es gibt eine Heimat im himmlischen Licht, bereitet vom Heilande mein. Und wenn er mich rufet, so weiss ich gewiss, ich werde kein Fremdling dort sein.

Liedauszug das Silvan Ritz viel bedeutet