In guten Tagen habe ich keine grossen Krisen

März 2015, Hansueli Gujer nach einem Gespräch mit Willy Seelaus

An einem grauen Novembertag 2006 beschleicht den TV-Redaktor Willy Seelaus morgens auf dem Weg ins TV Studio ein depressives Gefühl. Als Frohnatur gönnt er sich morgens um 7 Uhr einen Kaffee mit Gipfeli. Vorerst verschwindet das Gefühl wieder. Doch in den kommenden Wochen nimmt die depressive Stimmung stetig zu. Der Hausarzt vermutet ein Burnout und lässt Willy entsprechend behandeln. Die Symptome lassen nicht nach: «Ich konnte die rechte Körperseite nicht mehr entspannen, hatte mein rechtes Bein nicht mehr vollständig unter Kontrolle», sagt der einst dynamische TV-Profi. Auch der Geruch- und der Geschmackssinn hätten nachgelassen. Der als meist aufgestellter «Teamplayer» bekannte Journalist zieht sich zurück in die Isolation. Rechtschreibefehler nehmen überhand, der Doppelklick mit der Maus funktioniert nicht mehr, Rückenschmerzen und Beinkrämpfe machen sich bemerkbar. Wie schon früher meldet er sich beim Chiropraktiker an. Doch nach kurzer Untersuchung verweist dieser auf einen Neurologen. Die Suche nach der Ursache beginnt. Bald wird klar: Alzheimer oder Demenz sei es nicht, eine Depression auch nicht; jedoch – und dann folgt der Hammer: Parkinson.

Folgen der Diagnose

Mit Medikamenten wird alles sofort besser. Die Kreativität kommt wieder zurück, die Blockade im Kopf ist durchbrochen. Doch der neue Zustand ist gewöhnungsbedürftig. Willy sagt: «Ich musste mich einschränken und die Sendungsverantwortung abgeben. Ich konnte auch die Beiträge nicht mehr allein verantworten. Das hat an meinem Selbstwert genagt.» Sein Chef hat Verständnis und schlägt eine Reduktion des Arbeitspensums auf 40 Prozent vor, bis zur Pensionierung Ende 2012. Doch der Albtraum hat erst richtig begonnen. Willy muss immer mehr Tabletten schlucken, bis zu acht Mal pro Tag, alle drei Stunden. Die Nebenwirkungen versetzen ihn in eine Berg- und Talfahrt wie auf einer Achterbahn. Zum Teil überdreht es ihn, dann folgen Krämpfe von den Beinen bis hinauf in die Schultern, Blockaden beim Laufen, Denken, tiefe Müdigkeit. Er braucht viel Schlaf. Seine Sprache wird schwerfällig. Die Medikamente beginnen erst nach ca. einer Stunde zu wirken, so muss alles genau geplant werden

OP – Tiefe Hirnstimulation

Das Team der Neurologen hilft schnell und kompetent. Die neue Situation ist jedoch gewöhnungsbedürftig. Mit den Medikamenten kann sich rasch ein trügerisches Gefühl eines Hochs einstellen, das sich wie eine Überdosis anfühlt. «Es kam schon zu Panikattacken als ich versehentlich zu viel Medis schluckte, bis zu Verfolgungswahn und Verwirrung», erzählt mir der sichtlich gezeichnete Patient mit leiser Stimme.

Zukunftspläne

Der einst umtriebige Medienprofi hatte nach seiner Pensionierung noch einiges vor, z.B. Klettern im Kletterzentrum, Filme produzieren, ja sogar ein Internet TV-Kanal schwebte ihm vor. Vieles sei nun nicht mehr realistisch. Etwas locker sagt er: «In guten Tagen habe ich keine grossen Krisen. Wenn ich am Vortag zu viel mache, rächt es sich allerdings am nächsten Tag.» Zuversicht findet er in seinem Glauben. Gott erfahre er als Tröster und Helfer.

In schwierigen Situationen mit Schmerzen oder Angst kann ich einfach loslassen und alles Gott hinlegen, ihm im Gebet danken. Er trägt mich. Es kommt gut mit ihm. Sterben ist ein Prozess. Er beginnt mit Loslassen

Hoffnung auf Heilung?

Was bedeutet Heilung für Willy? Mit dieser Frage setzt er sich oft auseinander. «Gott kann mich berühren. Klar. Ich kann es mir aber auch einreden». Inzwischen legt sich Willy auf die Liege, denn seine Schmerzen im Sitzen werden unerträglich. «Es ist meine Zuversicht, dass Gott mit mir ist. Das hat er mir zugesagt. Das bedeutet für mich Heilung, seine Nähe.» Willy betet regelmässig für Heilung. «Sein Wille soll geschehen.» Es sei besser, IHM zu vertrauen als auf den eigenen Glauben.

Das Leben beenden

Der Gedanke an Suizid habe ihn beschäftigt. Er weiss von einigen Parkinson-Patienten, die selbstbestimmt gehen wollen. Diese Auffassung lehnt er kategorisch ab: «Ich finde das kritisch, wir sind nicht Gott. Durch das Leiden lerne ich Gott kennen. Wenn es mir schlecht geht, ist Gottes Nähe viel intensiver.» Willy hat die Gewissheit, dass es ein gutes Ende geben wird. In einer kurzen Erscheinung konnte er einen Blick ins Jenseits werfen, intensiv und sehr hoffnungsvoll.

Trotzdem ein Zeugnis sein

Während seinen Klinikaufenthalten kann sich Willy oft mit Mitpatienten im Mehrbettzimmer unterhalten. Er schenkt ihnen Bücher, die erklären, dass Gott hilft zu vergeben, «einen «Healing-Code», den wir in Anspruch nehmen können. Einer habe ihm dann einen Brief geschrieben, es sei eines der wichtigsten Bücher seines Lebens geworden. «Andern habe ich eine Bergbibel gegeben und den Film «Treffpunkt-Gipfelkreuz»* geschenkt. So kann ich für andere ein Segen sein. Für ein Buch, eine Bibel, sind die Menschen meist offen», sagt er dankbar. Trotz unsicheren Zukunftsaussichten spürt Willy einen tiefen Frieden in seinem Herz. Ein Friede, der in Gott verwurzelt ist.

Infos zum Artikel

Lebensbericht wurde in dieser Infozeitschrift veröffentlicht:
GuB_Info-Zeitschrift_2015_1, Seite 13

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https://www.youtube.com/watch?v=UG5QWnUSBUA
Trailer zum Film «Treffpunkt-Gipfelkreuz» den Willy Seelaus verschenkt hat. Ein aussergewöhnlicher Film mit einzigartigen Aufnahmen der majestätischen Walliser Alpenwelt und einer Geschichte über den Gratweg zwischen Himmel und Erde.