Regionaltagung Männedorf

Datum: 17. September 2016, 9.00
Ort: Bibelheim Männedorf

Verachtet das Leiden nicht, es hat seine Aufgabe

Annie und Roger Wellinger leben seit fünfeinhalb Jahren mit der Tatsache, dass Roger durch einen schweren Arbeitsunfall zum Tetraplegiker wurde. „Ich hatte einen Schulbesuch bei der älteren Tochter gemacht, als ich von der Rega informiert wurde, dass Roger schwer verletzt sei“, erzählt Annie. Der Gartenbauingenieur hatte eine Birke fällen wollen. Doch deren Spitze war auf den Korb des Hebekrans gekracht und hatte Roger hinaus katapultiert. Aus etwa 13 Metern Höhe stürzte er zu Boden. Er überlebte den Sturz, allerdings mit schweren Verletzungen. Neben gravierenden Frakturen der Hals- und Brustwirbelsäule  fanden auch eine kleine Hirnblutung, einige Brüche an Rippen und Brustbein sowie mehrere innere Verletzungen statt. Dies veranlasste die Ärzte, Roger ins künstliche Koma zu versetzen. Dank der guten Unfallversicherung durch seinen Arbeitgeber wurden die Kosten für die medizinische Behandlung gedeckt. Aber die Familie musste eine neue Wohnung suchen und sie Behindertengerecht umbauen lassen. Nach fast neun Monaten Reha und sechs Wochen Intensivpflegestation konnte der damals 42 Jährige das Paraplegiker-zentrum  Balgrist verlassen, wo er sich dank Rehabilitation viele seiner Fähigkeiten wieder antrainiert hatte. Er ist heute an allen vier Gliedmassen gelähmt und braucht viel Unterstützung bei der Alltagsbewältigung. Sein Verstand blieb Gott sei Dank unverletzt. Gerne würde er ihn einsetzten, um zum Einkommen beizutragen. Doch nach einer befristeten 20-Prozent Arbeitsstelle fand er bisher nichts Passendes und ist immer noch am Suchen.

Kein Verständnis

Die Familie musste nochmals in eine barrierefreie Wohnung umziehen, weil Uster für Rollstuhlfahrer viel praktischer ist als Kilchberg. Es kostete Annie sehr viel Kraft, sich auf die neue Situation einzustellen. Nach dem Unfall war sie längere Zeit nicht mehr fähig, allein Auto zu fahren oder den Haushalt zu führen. Freunde und Verwandte setzten sich hier tatkräftig ein, machten Taxidienste, brachten Essen vorbei, halfen bei alltäglichen Belangen. Die Spitex übernahm eine kurze Zeit den Haushalt. Daneben war die Familie auch immer wieder gedankenlosen oder zutiefst verletzenden Bemerkungen ausgesetzt. „Annie, kannst du unsere Kinder hüten? Du bist ja den ganzen Tag zuhause“ oder „Welche Sünde ist wohl in Rogers Leben, dass Gott ihn so gestraft hat?“ Wie viel Kraft es braucht, einen Tag mit einem Familienmitglied im Rollstuhl zu gestalten, können sich viele Menschen nicht vorstellen. Dazu gehören die Körperpflege, Kleider wechseln, Arzt- und Therapiebesuche, administrativen Abklärungen für medizinische oder finanzielle Unterstützung, das Erkennen von Hinweisen auf das erlittene Trauma der Töchter oder Anzeichen von Erschöpfung beim pflegenden Partner und der Angehörigen. Die Anwesenden am Regionaltag jedoch nicken wissend und erzählten während der Austauschrunde von ihren Erfahrungen.

Gott wusste es

Roger Wellinger spricht in seinem Vortrag offen darüber, dass er das Geschick seiner Hände und das aktive Unterwegssein vermisst. Er war oft sportlich und  kreativ tätig, auch mit seinen zwei Töchtern, konnte sie und seine Frau in den Arm nehmen. Die Frage nach dem Warum beschäftigt Roger hin und wieder. Gerade auch, als zweieinhalb Jahre nach dem Unfall die Diagnose Krebs dazu kam. «Warum auch das noch? Ist nicht schon genug des Leidens da?“ Roger weiss aber um Gottes Souveränität und es gelingt ihm immer mehr, sich in diese einzufügen. „Gott liess das Leiden in unserer Familie zu. Er war und bleibt bei uns“, ist er überzeugt. Er erwähnte die Geschichte von Hiob. Es war keine Sünde gewesen, die zu dessen Schicksalsschlägen geführt hätten. Der Teufel selber habe Gott herausgefordert zu prüfen, ob Hiob ihn nicht verlassen würde, wenn es ihm nicht mehr so gut ginge. „Hiobs grösstes Erlebnis im ganzen Geschehen war nicht, dass er alles, was er verloren hatte mehrfach zurückbekam. Sondern dass sich seine Beziehung zu Gott völlig verändert hatte. Vorher habe Hiob Gott geglaubt, nachher berichtet er, „er habe Gott gesehen“ .Und das brachte den Frieden zurück in sein Leben. „Ob Gott meinen Unfall gewollt oder zugelassen hat ist für mich dasselbe“, erklärte Roger. „Wir müssen nicht alles verstehen, was Gott bewegt, er ist souverän“.  Er forderte die Zuhörenden auf: „Leiden hat seine Aufgabe, verachtet es nicht!“

Beten, fragen, helfen

Die meisten der Anwesenden leben selber mit einer Behinderung oder sind  Angehörige. „Wir brauchen Menschen, die für uns beten und uns zuverlässig praktisch unterstützen“, erklärt Annie. „Sie können ja fragen, was wir brauchen und danach handeln“. Sie erlebte, dass die Hilfsangebote im Lauf der Jahre drastisch abnahmen. Von zehn Anfragen bekommt sie heute noch eine Zusage. Und das Fragen kostet sie auch oft viel Kraft. Nach eineinhalb Jahren der Unterstützung von Roger und der neuen Herausforderung im Alltag erkrankte sie trotz den täglichen Einsätzen der Spitex an einer Erschöpfungsdepression. Dass das Anleiten von Helfenden, das Ausloten, wer kann was erledigen, das täglich sich auf neue Mitarbeitende einstellen ist anstrengend und verursachte Schlafstörungen. Die 35-Jährige musste in die Klinik und sollte sich acht Wochen lang erholen. Aber schon bald stellte sich heraus, dass Roger zusammen mit den damals noch jüngeren Töchtern am Limit lief. So kam Annie bereits nach drei Wochen wieder zurück. Seither  ist sie immer wieder sehr müde. Deshalb gönnt sich Annie Auszeiten, besucht einen Kurs oder fährt ein paar Tage allein in die Ferien. Heute können die beiden Töchter, 18 und 10 Jahre alt, eine Weile ohne sie mit ihrem Vater zusammen zurechtkommen. Doch noch immer wird die Familie fünf Tage pro Woche von der Spitex unterstützt. Aber allzu viele fremde Menschen in den eigenen vier Wänden empfinden sie als belastend, deshalb übernimmt Annie am Wochenende alle Hilfestellungen für ihren Mann. Dazu nehmen alle vier Familienmitglieder die Hilfe von psychologisch geschulten Fachkräften in Anspruch.

Der Austausch der Teilnehmenden, wie ein Leben mit Behinderung lebenswert bleibt, war sehr fruchtbar. „Man muss sich auch selber Sorge tragen“, mahnte der Mann einer MS-Patientin. „Oft kniet man sich als Angehöriger sehr tief rein und merkt gar nicht, wie viel Kraft das kostet“. „Wer helfen will, soll fragen und nicht interpretieren, was die anderen brauchen“, war ein anderer Tipp. „Nicht Betroffene können sich oft einfach nicht einfühlen, sie verstehen nicht, was wir durchmachen und brauchen“, erklärte eine Frau. Sehr geschätzt wird deshalb, wenn jemand tatkräftig hilft, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Denn dazu fehlen einfach Zeit und Kraft.

Infos zum Artikel

Und in unserer Hoffnung werden wir nicht enttäuscht. Denn Gott hat uns den Heiligen Geist gegeben und hat unser Herz durch ihn mit der Gewissheit erfüllt, dass er uns liebt.
Römer 5,5